Rindert Kromhout: Brüder für immer

Schon als kleines Kind weiß Quentin, dass er Schriftsteller werden will. „Alice im Wunderland“ sei schuld daran, erzählt er in Rindert Kromhouts „Brüder für immer“.

Aus dem Niederländischen von Birgit Erdmann
München: Mixtvision 2016


Schon als kleines Kind weiß Quentin, dass er Schriftsteller werden will. „Alice im Wunderland“ sei schuld daran, erzählt er in Rindert Kromhouts „Brüder für immer“. Ein wenig mag auch seine Familie dazu beigetragen haben. Schließlich ist seine Mutter die berühmte Malerin Vanessa Bell, und seine Tante heißt Virginia Woolf. Die ermuntert ihn zum Schreiben, lektoriert seine Arbeiten und gibt ihm Tipps wie: „Lies! Lies alles, was du in die Finger kriegst. Ein Schriftsteller muss lesen und andere Schriftsteller studieren.“

Gemeinsam mit seinen Geschwistern, dem drei Jahre älteren Bruder Julian und der kleinen Schwester Angelica, wächst der Ich-Erzähler Quentin in „Charleston House“ auf, in einer alles andere als durchschnittlichen Umgebung. Ist dieses Haus in Sussex doch ländlicher Mittelpunkt der „Bloomsbury Group“, einer Gruppe von KünstlerInnen und Intellektuellen, die weit über die nationalen Grenzen hinaus Berühmtheit erlangen. Im Zentrum stehen Quentins Mutter Vanessa, ihr Mann, der Kunstkritiker Clive Bell, ihr Geliebter Duncan Bell und dessen Geliebter David Garret, sowie – nur wenige Kilometer entfernt in „Monk´s House“, in dem es immer nach Tinte und Papier riecht, Vanessas jüngere Schwester Virginia und deren Mann, der Verleger Leonard Woolf. Sie alle sind einander eng verbunden, durch gemeinsame Leidenschaften und Überzeugungen, durch Verwandtschaftsverhältnisse, Ehen, Liebschaften kreuz und quer. Die Mitglieder der Gruppe, zu der auch der Schriftsteller Lytton Strachey oder die Malerin Dora Carrington zählen, scheren sich nicht um Konventionen, weder in ihrer Kunst noch in ihrem Liebesleben. Ein Lebensstil, der im England der 20er Jahre, das die strenge viktorianische Zeit gerade erst hinter sich gelassen hat, geradezu revolutionär ist.

Kein Wunder, dass die Bewohner von „Charleston House“ von den anderen im Dorf mehr als scheel angesehen werden. Doch das kümmert Quentin und Julian überhaupt nicht. Sie sind frei und glücklich in diesem Haus ohne Strom und voller Kunst, in dem Wände, Türen und Möbel von Vanessa und Duncan bunt bemalt sind. Hier haben sie das Gefühl, ihre sichere Welt mit all den wunderbaren Menschen darin hört bei der Gartenmauer auf. Bis diese Welt eines Tages zusammenbricht …

Rindert Kromhout hat die Tagebücher, Briefe, Werke und Biografien der realen „Bloomsburys“ gelesen, sich intensiv mit ihnen auseinander gesetzt. „Auf diese Weise“, schreibt der Autor im Nachwort, „habe ich mir ihre Wirklichkeit zu eigen gemacht.
Als ich zu schreiben begann, habe ich diese Wirklichkeit teilweise losgelassen. Mein Buch sollte keine Biografie werden, davon gibt es genug, sondern eine Geschichte. Mir ging es nicht darum, Fakten und Biografien richtig wiederzugeben, sondern mit wahren und ausgedachten Ereignissen und Gesprächen ein Bild der faszinierenden Welt zu skizzieren, in der Quentin und Julian aufgewachsen sind.“

Cover
Es kann nicht davon ausgegangen werden, dass alle jugendlichen LeserInnen mit den Namen Woolf, Bell oder Bloomsbury Group viel anfangen können und so einen Teil der Faszination des Textes aus seinem realen Kontext generieren. Doch das ist gar nicht notwendig. Die Geschichte überzeugt auch jenseits ihres historischen Rahmens, einfach dadurch, dass sie großartig erzählt ist. Eine sehr poetische Familiengeschichte, die sich behutsam und doch spannend an der Verbindung zwischen zwei Brüdern entlang bewegt. Zunächst ist diese eng, unauflöslich geradezu. Doch je älter sie werden, desto mehr entfremden sie sich. Finden eigene Freunde, verlieben sich, leben ihr Leben getrennt voneinander. Quentin orientiert sich immer stärker in künstlerischer Richtung, Julian interessiert sich brennend für Politik. Dies bietet dem Autor auch Gelegenheit, über Ereignisse außerhalb von „Charleston House“ zu berichten, seine Charaktere über den Bergarbeiterstreik, Mussolini oder Hitler reflektieren zu lassen. Julian schließt sich den Kommunisten an, geht nach Spanien, um im Bürgerkrieg zu kämpfen. Und stirbt nur eine Woche später. Was umso entsetzlicher ist, besonders für seine Mutter, als alldem ein schwerer Konflikt vorangegangen ist. Als Julian ein unausgesprochenes Familiengeheimnis entdeckt, fühlt er sich durch die jahrelange Lüge betrogen – es kommt zum Bruch, der bis zu seinem Tod nicht endgültig gelöst wird.

Der Blick, den der Autor durch die Brille seines heranwachsenden Ich-Erzählers auf diese Welt wirft, ist ein liebevoller – Kromhout bekennt offen, dass er beim Besuch von „Charleston House“ und „Monks House“, beides sind heute Museen, „verzaubert“ war. Die Eigenheiten und Fehler der Figuren werden nicht seziert. Dass etwa die Erwachsenen, bei aller Freigeistigkeit und Offenheit, durchaus der Lüge fähig sind, um die finanzielle Unterstützung durch die reichen Eltern nicht zu gefährden, das wird festgestellt, nicht angeprangert.

So ist in diesem Buch vieles zwischen den Zeilen zu lesen, vor allem die Brüchigkeit des Glücks in „Charleston House“ – für die Erwachsenen. Nicht für die Jungen. Die erleben lange Jahre eine gelungene Kindheit außerhalb der gesellschaftlich herrschenden Norm. „Brüder für immer“ erzählt von der Erfüllung, die junge Menschen erfahren, wenn sie allen erdenklichen Raum und Unterstützung bekommen, um ihre eigenen Wege einzuschlagen.

Karin Haller