
Han Nolan: Born Blue
“Blue”: das Wort bezeichnet mehr als nur eine Stimmung. „To have the blues“ – das ist keine Augenblicksbefindlichkeit, sondern ein bestimmtes Lebensgefühl, eine Art grundsätzliche Disposition.
Hamburg: Carlsen 2005
“Blue”: das Wort bezeichnet mehr als nur eine Stimmung. „To have the blues“ – das ist keine Augenblicksbefindlichkeit, sondern ein bestimmtes Lebensgefühl, eine Art grundsätzliche Disposition. Etwas, was man sich nicht aussuchen kann. So ist die Ich-Erzählerin Janie in Han Nolans Jugendroman „Born Blue“ in ein Leben hineingeboren, das ihr keine Wahl lässt. Oder besser gesagt: das sie unfähig macht, die richtigen Entscheidungen zu treffen, wenn sie die Wahl hätte.
Von der heroinabhängigen Mutter wird sie zunächst bei uninteressiert-schlampigen Pflegeeltern abgeladen; dort begegnet sie dem schwarzen Jungen Harmon, dem einzigen Menschen, den sie retrospektiv betrachtet lieben wird. Er macht sie mit den „Ladys“ bekannt: Aretha Franklin, Ella Fitzgerald, Billie Holiday, und, vor allem, Etta James. Das noch nicht einmal sechsjährige Mädchen flüchtet sich in die Musik wie eine Ertrinkende, das eigene Singen wird zum Inbegriff von Hoffnung, Rebellion und Lebenssinn.
Als Harmon von der Familie eines reichen Rechtsanwalts adoptiert wird, verrammelt sich Janie endgültig in einem Schutzmechanismus der Gleichgültigkeit; als ihre Mutter sie an ein Dealerpärchen verschachert, berührt sie das nicht mehr sonderlich. Da hat sie schon endgültig beschlossen, sich von ihrer eigenen Identität zu distanzieren und sich Leshaya zu nennen. In der kleinkriminellen Umgebung ihres neuen „Zuhauses“ stellt die Blues-Musik der „Ladys“ weiterhin die einzige Verbindung zu schönen und klaren Gefühlen dar - Strategien, um sich gegen die eigenen Verletzungen zu schützen, können die Songs ihr jedoch auch nicht zeigen.
Leshaya schafft es nicht, die Grenzen ihrer Sozialisation zu überwinden und das große Talent ihrer Stimmbegabung dafür zu nützen, vom vorgezeichneten Weg auszubrechen. Sie nimmt Drogen, hat wahllos-beliebigen Sex, bekommt mit dreizehn ein Kind ohne eine Ahnung zu haben, wer der Vater sein könnte, schiebt das Baby Harmon unter, den sie zufällig wieder trifft. Am Ende begleitet sie ihre mittlerweile aidskranke Mutter, die sie jahrelang nicht gesehen hat, ins Sterben. Will sich ihr Baby wiederholen und lässt es doch bei Harmon, weil sie weiß, dass das besser für das Kind ist. Macht sich alleine auf den Weg, wohin, weiß keiner, auch sie nicht.
Jugendliterarische Texte um junge Outlaws sind nichts Ungewöhnliches, gerade auch aus dem anglo-amerikanischen Raum. Selten jedoch begegnet man einer derart kompromisslos gezeichneten Protagonistin wie dieser Ich-Erzählerin, die so überhaupt keine Identifikations-figur ist, ja nicht einmal wirklich Sympathieträgerin. Sie stiehlt, lügt und betrügt, verletzt andere mit der egozentrischen Kaltblütigkeit, die sie selbst von Anfang an kennen gelernt hat.

Was in diesem Blues schlüssigerweise fehlt, ist Selbstmitleid – bemitleiden kann man nur jemanden, den man irgendwie auch mag. Alles egal, nur singen ist wichtig, eine berühmte Sängerin werden, nur nicht nachdenken, irgendwie geht es auch weiter, wenn man sich einfach nur treiben lässt. Die Figur der Leshaya ist von einer bruchlosen, überzeugenden Komplexität, die sich nicht zuletzt auch in der sprachlichen Gestaltung des Textes widerspiegelt. Dass in dieser Ich-Erzählung auch mal die Syntax falsch ist, zeigt keine gezwungene Annäherung an eine ohnehin nicht vorhandene Jugendsprache, sondern großes Einfühlungsvermögen in eine fiktive Biographie – und eine beeindruckende Übersetzerinnenleistung.
Die 1956 geborene Autorin Han Nolan wurde für ihren Roman „Dancing on the Edge“ mit dem National Book Award ausgezeichnet. „Born Blue“ ist bislang ihr einziger auf Deutsch erhältlicher Titel. Es könnten mehr werden.