
Rainer Merkel: Bo
Road Novels erfreuen sich in der Jugendliteratur seit Jahren großer Beliebtheit, einige außerordentlich lesenswerte Texte sind diesem Genre zuzuordnen.
Road Novels erfreuen sich in der Jugendliteratur seit Jahren großer Beliebtheit, einige außerordentlich lesenswerte Texte sind diesem Genre zuzuordnen. Man denke etwa an Wolfgang Herrndorfs „Tschick“ 2011, in dem zwei Freunde in einem geklauten Lada durch die ehemalige DDR ziehen. In Rainer Merkels Roman „Bo“ ist das Setting ein denkbar anderes: Handlungsraum ist Liberia, ein westafrikanischer Staat an der Atlantikküste, eines der ärmsten Länder der Welt, geprägt von einem mehr als zehnjährigen Bürgerkrieg.
Eigentlich soll der dreizehnjährige, aus Deutschland stammende Benjamin zu seinem Vater, der als Techniker bei einer NGO arbeitet. Doch als der Junge – ohne Pass und ohne Geld, die ihm geklaut wurden, aber wenigstens gut englisch sprechend – in Monrovia aus dem Flugzeug steigt, ist keiner da, der ihn abholt. Was nun beginnt, ist eine fast siebenhundert Seiten lange Tour de Force durch die liberianische Hauptstadt in halb kaputten Taxis oder überladenen Pick ups. Benjamin trifft dabei auf Kriminelle, fürsorgliche Einheimische, Menschen, die für Ärzte ohne Grenzen arbeiten. Und vor allem trifft er Bo, einen gleichaltrigen blinden Jungen, der ihn mit unerschütterlichem Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten durch die gefährlichsten Situationen manövriert. Begleitet werden die beiden Freunde von Brillant, der arrogant-verzogenen Nichte eines der reichsten Männer des Landes. Gemeinsam machen sie sich auf die Suche nach einer mysteriösen Frau, die aus dem psychiatrischen Krankenhaus verschwunden ist: Brillant, um der tödlichen Langeweile ihres wohlstandverwahrlosten Lebens zu entkommen, Benjamin, um sich davon abzulenken, dass er eigentlich seinen Vater suchen sollte. Was er vermeidet, um ein Gespräch über die definitive Trennung der Eltern hinauszuzögern. Und Bo ist mit von der Partie, weil er an der Seite seines Freundes bleiben will, des „Außerirdischen“ aus „Schwedianien“ mit der hellen sommersprossigen Haut und den roten Haaren.
Die Jugendlichen sind, gemeinsam und getrennt voneinander, ständig in Bewegung, die Schauplätze wechseln häufig, ebenso die Perspektiven zwischen den drei „B´s“, an Nebenfiguren, äußerer Handlung und Spannungshöhepunkten mangelt es wahrlich nicht. Was Benjamin alles erlebt, würde einem UN-Mitarbeiter den Schweiß auf die Stirn treiben; doch der Junge rettet sich mit waghalsig-naiver Leichtigkeit immer wieder aus den brenzligsten Gefahren. Es bleibt ihm auch nichts anderes übrig. Wie die anderen Jugendlichen in diesem Text auch, ist er letztlich auf sich allein gestellt. Die Erwachsenen sind mit ihren eigenen Problemen beschäftigt.
Merkels Roman bietet hohes Tempo und komplexe Handlungsstränge, ohne sich zu verzetteln, ist spannend und stellenweise ausgesprochen witzig. In den Dialogen und in Mikro-Motiven wie einem angesichts der Außentemperaturen völlig unpassenden dicken Mantel voller Dollarnoten, der leitmotivisch durch den ganzen Roman getragen wird, zeigt sich großes Gespür für gelungene Dramaturgie.

Merkel weiß, wovon er schreibt. 2008 ging der mehrfach preisgekrönte Autor und Psychologe nach Liberia, um für die Hilfsorganisation Cap Anamur in einem psychiatrischen Krankenhaus zu arbeiten. Ein einjähriger Aufenthalt, der ihn nicht nur zu dem essayistischen Reportageband „Das Unglück der anderen“ inspirierte, sondern eben auch zu „Bo“. Was definitiv ein Glücksfall ist.