April Genevieve Tucholke: All the strangest things are true

Es ist ein ausgesprochen spannendes Verwirrspiel, ein Labyrinth aus falschen Fährten, in das uns die Autorin führt. Welcher Erzählerstimme kann man trauen?

Aus dem Amerikanischen von Anne Brauner
Stuttgart: Thienemann 2017


Drei Augen schauen uns vom Cover des neuen Jugendromans „All the strangest things are true“ an, sehr verschiedene Augen, und das passt gut. Denn die junge amerikanische Autorin April Genevieve Tucholke lässt nicht nur eine Erzählerstimme zu Wort kommen, sondern drei: Wink, Poppy, Midnight – so heißt das Buch übrigens auch im Original.

Seit Midnight denken kann, ist er in Poppy verliebt, doch die nutzt ihn nur aus, weil sie – kalt, manipulativ und berechnend, wie sie nun mal ist – Selbstbestätigung sucht und ihre eigene unglückliche Liebe vergessen will. Erst als er Wink Bell kennenlernt, nimmt Midnight allen Mut zusammen, um von Poppy loszukommen. Worauf sich diese fragt, „ob ich es dulden kann, dass mein Ex-Lover mit diesem kleinen sommersprossigen Gör, das nach Stall stinkt, zusammenbleibt.“ Und natürlich heckt Poppy etwas aus, um Wink an ihren Platz zu verweisen: Diese soll eine Nacht lang allein gefesselt in einem abgelegenen Spukhaus verbringen, vor dem sie sich alle bis ins Mark fürchten. Midnight soll ihr bei der Aktion helfen, doch der verrät den Plan an Wink - worauf diese den Spieß umdreht. Es wird Poppy sein, die in dem Geisterhaus allein zurückbleibt. Als Midnight und Wink sie am Morgen befreien, scheint sie ihren Verstand verloren zu haben und verschwindet spurlos. Bis Briefe von ihr auftauchen mit der Aufforderung, sie zu suchen…

Es ist ein ausgesprochen spannendes Verwirrspiel, ein Labyrinth aus falschen Fährten, in das uns die Autorin führt. Welcher Erzählerstimme kann man trauen? Wer wird was tun? Schafft es Midnight, sich aus Poppys Bann zu befreien? Ist es Poppy, die die Briefe schreibt? Lebt sie überhaupt noch? Dass sie noch eine Stimme hat, mit der sie retrospektiv erzählt, beweist gar nichts. Denn so wie Wink, deren Mutter Wahrsagerin ist, fest an Geister und übernatürliche Wesen glaubt, so legt sich der immer wieder im Mysteriösen wandernde Text diesbezüglich lange nicht fest. Erst ganz am Schluss stellt sich in einem bemerkenswerten erzählerischen Twist heraus, wer die Fäden in dieser Geschichte wirklich zieht und alle anderen wie Marionetten tanzen lässt.

Tucholke nützt den Dreiklang der Erzählstimmen aber nicht nur, um uns auf der Handlungsebene auf Irrwege zu führen. Mit großem Geschick lässt sie darin ihre Charaktere in all ihrer Vielschichtigkeit lebendig werden. Wie eine Figur über eine andere reflektiert, sagt immer auch viel über sie selbst aus. Midnight, der Romantiker, beschreibt sich selbst beispielsweise so: „Ich war der lesende Bruder, der gern im Fluss schwamm, im Regen wanderte und nachts den Sternenhimmel betrachtete, aber für Gruppensport beim besten Willen nicht zu haben war.“ Aus Poppys Sicht klingt das eine Nummer härter: „Er las Gedichte und war weich im Hirn, genau wie im Herzen. Ich hörte ihm schon seit Jahren nicht mehr zu.“

Cover
Für Wink wiederum ist Midnight der explizite Held der Geschichte, weil sie das so beschlossen hat: „Jede Geschichte braucht einen Helden“. Wirklich strahlend ist er nicht, sondern, in Winks leicht verschwurbelten Worten, „freundlich und ungeschickt wie ein normaler Bauernjunge, bevor das Schicksal zuschlägt und ihn zwingt, sich mit seinem Schwert auf den Weg zu machen“. Wink Bell wirkt nicht nur wie aus einer anderen Welt, sie sieht die Welt auch anders. Und dann wundert sich Midnight wieder über ihren messerscharfen, klar-analytischen Verstand und ihre erfahrenen Küsse, die so gar nicht zu ihrem unschuldigen Blick passen wollen. Aber von dem erzählt ja ohnehin nur Midnight….

Formal ist das Buch eine Fundgrube für erzähltheoretische Betrachtungen – die intertextuellen Bezüge, die Schauplatzgestaltung, in der beispielsweise die geheimnisvolle Abgeschiedenheit am Waldrand, an dem das Bell-Haus liegt, spürbar wird. Und natürlich hinsichtlich der Variabilität der Perspektiven – manchmal wechseln sie schnell, manchmal lange nicht, manchmal erzählen sie fortlaufend, manchmal parallel auf dasselbe Geschehen bezogen. Vor allem aber ist „All the strangest things are true“ spannend, dicht und leidenschaftlich erzählt. „Rache. Gerechtigkeit. Liebe. Es gibt drei Geschichten, aus denen alle anderen Geschichten bestehen. Das ist die Dreieinigkeit. Es ist genauso, wie wenn man Suppe kocht.“ meint Wink und scheint damit das Grundrezept der Autorin für dieses Buch zu verraten. Das ihr wirklich außerordentlich gut gelungen ist.

Karin Haller