Jason Reynolds: 24 Sekunden ab jetzt

Eine ganz normale Liebesgeschichte
Aus dem Englischen von Anja Hansen-Schmidt. München: dtv (Reihe Hanser) 2026

Neon, siebzehn, verliebt und hochgradig nervös, steht in Unterhosen im Bad, während seine Freundin Aria nebenan in ihrem Zimmer auf ihn wartet. Es ist der lang geplante Abend ihres ersten Mals und hundert Gedanken schießen durch den Kopf des jungen Manns: Er denkt an das, was er tun will und an das, was falsch laufen könnte.
Er denkt an ihren Körper und an seinen, an die richtige Reihenfolge von Handgriffen, komplizierte BH-Verschlüsse und Kondome …

Jason Reynolds wählt für seinen Roman „24 Sekunden ab jetzt“ einen besonderen Moment als Einstieg, macht daraus aber kein Spektakel, keine Posse, verklärt ihn auch nicht romantisch. Nimmt ihn vielmehr als Anlass, „Eine ganz normale Liebesgeschichte“, wie es im Untertitel heißt, in einer eleganten Erzählbewegung aufzurollen. Die führt von „Jetzt“ aus rückwärts: Zuerst 24 Sekunden, dann 24 Minuten, Stunden, Tage, Wochen und schließlich 24 Monate, zu jenem Tag, an dem Neon und Aria sich kennenlernen.

So weitet sich der Blick der Lesenden ausgehend vom aufgeregten Begehren des Jungen nach und nach hin auf sein ganzes Leben. Das ist es nämlich, womit sich der vielfach preisgekrönte amerikanische Autor Jason Reynolds literarisch auseinandersetzt: Mit dem Aufwachsen von Schwarzen Menschen, meist männlichen, und ihrer Lebenswelt, in der Gewalterfahrungen und Diskriminierung oft eine Rolle spielen. Reynolds, 1983 geboren und in der Nähe von Washington D.C. groß geworden, ist über den Rap zur Spoken Word Poetry gekommen. Er hat als Student Texte wichtiger Autor:innen der afroamerikanischen Literatur gelesen, etwa James Baldwin oder Toni Morrison. So haben Haltung und Formbewusstsein zusammengefunden und sind prägend geworden für jenen Stil, in dem Reynolds seit etwa 15 Jahren Gedichte und Romane für junge Leser:innen schreibt.

 

Will Gmehling: Stuxx

 

In „24 Sekunden ab jetzt“ ist eine klare zeitliche Struktur der Rahmen für einen so sprunghaften wie ausschweifenden Monolog eines Jungen über sein Leben. Er erzählt von seiner Freundin, seiner Familie, der Nachbarschaft, der Highschool Clique. Er räsoniert über Vorstellungen von Freundschaft, Liebe, Intimität und Männlichkeit.
Diese Themen werden über drei Generationen besprochen. Differenzen wie Übereinstimmung werden in den Liebesgeschichten der Großeltern und Eltern ebenso anschaulich wie in den Gesprächen, die Neon mit seinen Freund:innen führt.
Oft gehen in diesem Bewusstseinsstrom die Gedankenlinien vom Körper aus von der Sehnsucht nach und den Vorstellungen vom ersten Mal. Sie führen aber immer weiter zur Auseinandersetzung über grundsätzliche Möglichkeiten und Bedingungen von Nähe und Vertrauen, über Zustimmung und Grenzen. Gerade dabei wird die erzählerische Stärke Jason Reynolds deutlich: Er ist ein Moralist, aber nicht moralisierend; er erzählt locker, ohne belanglos zu werden. Das ist vielleicht zurückzuführen auf seine spürbare Zugehörigkeit zu den Menschen, über die er schreibt, seinen Stolz auf ihre und seine Geschichte. Und sicher auf seinen Humor.

In „24 Sekunden ab jetzt“ – das Anja Hansen-Schmidt ins Deutsche übersetzt hat – verpasst der Autor seiner Erzählstimme eine große Portion Selbstironie. Gerade bei diesem Thema nicht das schlechteste. Und auch fast alle anderen Figuren sind mit viel Sinn für Witz ausgestattet. So wird etwa ein quasi öffentlich in einem Diner geführtes Aufklärungsgespräch zwischen Neon und seiner Mutter zu einem kleinen Höhepunkt – komisch und zugleich berührend. Und ein hässlicher Hund ist nicht nur ursächlich verantwortlich für die Beziehung der beiden Hauptfiguren, er wird auch zum Gegenspieler des Verliebten und zu einem Running Gag.
Der Hund ist im Übrigen nach Denzel Washington benannt, weil seine Filme und Filme überhaupt für einige Menschen in dieser Geschichte eine große Rolle spielen.

Nicht unerwartet endet der Roman aber nicht mit einer romantisch ausgeleuchteten Liebesszene, unterlegt mit entsprechender Tonspur. Sondern dort, wo er begonnen hat: im Badezimmer. In dem sich Neon nun endlich vom Spiegel abwendet, die Tür öffnet und die paar Schritte in Arias Zimmer geht. 


Franz Lettner