
Simone
Welche Eigenschaften muss die perfekte Babysitterin mitbringen? Zu betreuende Kinder wünschen sich wohl vor allem eine sympathische Person für Spiel und Spaß, mit der man Abenteuer erleben kann. Und gleichzeitig auch jemanden zum Anlehnen und Vertrauen, der sie in allem ernst nimmt und auf individuelle und momentane Bedürfnisse eingeht. Für die meisten Eltern steht vermutlich Verantwortungsbewusstsein und Zuverlässigkeit an erster Stelle. Doch wer würde erwarten, dass ausgerechnet ein Flusspferd mit Piercing und manikürten Nägeln all diese Anforderungen in sich vereint? Zumindest im Bilderbuch „Simone“ von Nikolaus Heidelbach. Wer andere Werke des Künstlers kennt, weiß, mit welcher Leichtigkeit er das Absurde ganz selbstverständlich in den Alltag seiner Figuren einfließen lässt. So auch hier:
Eines Tages beim Babyschwimmen ist die Flusspferddame Simone einfach da und der Mutter von Wally auf Anhieb so sympathisch, dass sie sie prompt als Kindermädchen engagiert. Von da an kümmert sich Simone liebevoll um Wally: sie liest ihr vor, füttert und wickelt sie, trägt sie samt überdachtem Sattel zum Kindergarten und spielt sogar mit ihr Mikado – mit Hufen eine Herausforderung. Das große Tier wird für das kleine Mädchen zur fürsorglichen Bezugsperson, doch mit Schuleintritt von Wally soll Simone entlassen werden. Bevor nun der Ernst des Lebens und somit für beide eine neues Lebensabschnitt beginnt, wollen sie gemeinsam „noch etwas auf den Putz hauen“. Flussabwärts treibend führt ihre Abschiedsreise vorbei an riesigen Schiffen und einsamen Stränden, durch große Städte und wilde Wasserfälle hinab. Das Finale bildet ein Besuch bei Simones Familie samt Party mit reichhaltigem Früchtebuffet, Walzertanz und Schlammbad, ehe sie wieder den Heimweg antreten.
So abwechslungsreich wie diese Expedition gestaltet Heidelbach auch die Bildsprache. Die Perspektiven wechseln zwischen herangezoomten, liebevollen Details, weiten Landschaften, Momentaufnahmen mitten dem Flusspferdgetümmel und ausgedehnten Betrachtungen aus der Vogelperspektive. Nach jedem Umblättern wartet ein neues seitenfüllendes Gemälde, wobei immer neue Aspekte der Beziehung zwischen den Protagonistinnen mit all ihren Eigenheiten anschaulich werden. Entzückend etwa, wenn beide elegant auf Zehenspitzen unter Wasser laufen. Oder wenn Wally auf Simones Rücken picknicken darf, während diese sich mit den Worten „Ab und zu braucht man etwas Zeit für sich alleine“ ein Schläfchen gönnt. Der Größenunterschied zwischen zartem Kind im blauen Pünktchenkleid und massiger, grauer Paarhuferin wirkt nie deplatziert. Mal lugen nur Ohren, Rücken und Schwanz des Flusspferdes aus dem Wasser, während das Mädchen obenauf sitzend sein „tierisches“ Schiff durchs Wasser navigiert. Mal füllt der auf dem Rücken liegende Flusspferdkörper mit dem kleinen Baby auf dem Bauch fast den gesamten Bildraum. Und immer ist ein Gefühl von Geborgenheit deutlich spürbar.
Einfühlsam erzählt Heidelbach über den Übergang vom behüteten Kleinkind zum wissbegierigen Schulkind, das mehr und mehr auf eigenen Beinen steht – und von einer besonderen Freundschaft und von Vertrauen. Am Ende haben beide vieles voneinander gelernt und Wally erhält zum Abschied auf die Frage „Sehen wir uns wieder?“ nochmal eine große Prise Zuversicht: „Irgendwann werde ich wiederauftauchen!“
Verena Weigl

Nikolaus Heidelbach: Simone
Dieser Buchtipp erschien zuerst in der österreichischen Wochenzeitung Die Furche

