Ganz schön mutig!

Ein weißes Häschen spaziert durch einen dunklen Wald, als plötzlich ein monströser Wolf mit einem lauten „HARR!“ hinter einem Baum hervorspringt. Doch anstatt in Schockstarre zu verfallen, brüllt das kleine Tier dem großen entgegen: „GEHT’S NOCH? Du hast mich gerade voll erschreckt!“. Und wirft sogar ein gedämpft-genervtes „Blödmann“ hinterher. Mit diesem Plot Twist beginnt der erste Kindercomic von Jörg Mühle – der Künstler ist im deutschen Sprachraum vor allem mit seinen Hasenkind-Pappbilderbüchern bekannt.

Im nun folgenden Dialog kämpft der Wolf darum, sein vermeintliches Opfer von seiner furchterregenden Identität zu überzeugen („Gewaltige Pranken! Heftige Muskeln! Cooler Style!“). Doch das Häschen hält dagegen: der Wolf sei im Vergleich zum listigen Fuchs doch total harmlos, ungepflegt und bekanntermaßen auch ein bisschen dicklich. („Bisschen wie du. Nix gegen dich. Sorry, ist halt so.“) Letztendlich schlägt das vorlaut-plappernde Häschen den einfältigen Wolf mit Argumenten in die Flucht. Und die ganze Szene entpuppt sich als Mutprobe unter drei Freunden, die im Zentrum dieser schrägen Episodensammlung stehen.

Kaninchen Nini ist die impulsivste und kühnste im Trio. Der freche Hamster Goldi stellt sich immer wieder seinen Ängsten. Genauso der tollpatschige Gartenschläfer Klaus, der schon mehrmals in den Fluss gefallen oder in Erdlöchern steckengeblieben ist.

Erfrischend unbekümmert vertreiben sich die Tierkinder ihre Freizeit. Der Wald ist ihre große Spielwiese – Lagerfeuer, Baumhausbauen und allerlei draufgängerischen Aktionen, die manchmal auch beim Arzt enden können. Die Aufgaben, die sie sich gegenseitig stellen, stärken dabei nicht nur ihre Freundschaft, sondern auch ihre Persönlichkeit.

Durch viel Weißraum und gelungene Körperkomik stellt Mühle in seinem unverkennbaren Strich die Figuren, ihre Eigenheiten, emotionale Ausbrüche und Interaktionen untereinander in den Mittelpunkt. Kombiniert mit spritzigen und äußerst witzigen Dialogen und Slapstick-Elementen sowie dem gezieltem Einsatz von Pausen sind die Szenen in einem angenehmen Tempo erzählt.

Das Tierrepertoire des gesamten Waldes bekommt immer wieder seine Auftritte – wobei sich die Erwachsenen vorwiegend mit Tadeleien, Vorschriften oder allzu gut gemeinten Ratschlägen einmischen. Die Kinder wiederum versuchen ihre alltäglichen Wagnisse einfallsreich zu rechtfertigen: „Man weiß doch erst hinterher, dass man Dummheiten gemacht hat.“ Und Spielverbot am Bach bedeutet definitiv nicht, dass man ihn am Weg zum gesperrten Steinbruch nicht überqueren darf.

Wie viel Mitspracherecht haben Erwachsene am kindlichen Spiel? Wo ist die Grenze zwischen Mut und Übermut? Fragen wie diese werden in diesem schrägen Lesespaß mit Augenzwinkern verhandelt – eine Empfehlung für alle mutigen Kinder sowie ihre (un)besorgten Eltern!

Verena Weigl

Jörg Mühle: Ganz schön mutig!

Jörg Mühle: Ganz schön mutig!

Frankfurt/Main: Moritz 2026, 96 S., € 18,50, ab 6 Jahren

Dieser Buchtipp erschien zuerst in der österreichischen Wochenzeitung Die Furche